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Verleihung der Otto-Hahn-Friedensmedaille 1993 an Sir Karl R. Popper

Sir Karl Raimund Popper wurde am 17. Dezember 1993 in Berlin mit der Otto-Hahn-Friedensmedaille in Gold der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Landesverband Berlin-Brandenburg (DGVN), ausgezeichnet. Der weltberühmte österreichisch-britische Philosoph und Wissenschaftstheoretiker erhielt die Medaille für seine herausragenden Verdienste um Frieden und Völkerverständigung, insbesondere für seine sozialpolitischen Leistungen, welche die theoretischen Grundlagen für eine humane Evolution demokratischer Gesellschaften schuf. Die Medaille wurde zum vierten Mal verliehen.

Die Vorsitzende des Landesverbands Berlin-Brandenburg der DGVN, Elke Schramm, würdigte anlässlich des Festaktes im Haus der Kulturen der Welt Sir Karl Raimund Popper als einen Denker, der jeglichen Utopien kritisch gegenübersteht und als Alternative den beschwerlichen Weg der kleinen Schritte für die Entwicklung von Gesellschaften anbietet. Übergeben wurde die Otto-Hahn-Friedensmedaille vom Regierenden Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen. Die Ansprache hielt Professor Dr. Rita Süßmuth, Präsidentin des Deutschen Bundestages. Sie würdigte insbesondere Poppers Verdienst um die Einsicht in die Bedeutung der Sprache als Instrument rationaler Auseinandersetzung und Lösung von Konflikten in der Demokratie. In seiner Laudatio betonte Professor Dr. Hans Poser, Sir Karl habe uns gegen allen Kultur- und Wertepessimismus, gegen ein anything goes und eine Beliebigkeit im Bereiche der Wissenschaft, der Geschichte wie des Sozialen einen Weg gewiesen „gegen Terror, Unterdrückung und Verletzung der Menschenrechte, für eine vernünftige, nämlich der Kritik offene demokratische Gesellschaft“.

Karl Raimund Popper wurde am 28.Juli 1902 als Sohn eines zum Protestantismus übergetretenen jüdischen Rechtsanwalts in Osterreich geboren. An der Wiener Universität beschäftige er sich als Gasthörer mit Mathematik, Physik, Philosophie, Psychologie und Musikgeschichte. Nach einem kurzen Zwischenspiel als pazifistischer Kommunist und einem Praktikum bei dem Psychologen Alfred Adler, wird Popper 1922 ordentlicher Student an der Wiener Universität. Nach der Promotion bei dem Psychologen und Sprachtheoretiker Karl Bühler in Wien 1928, erlangt Popper 1929 die Lehrberechtigung als Volksschullehrer für die Fächer Mathematik und Physik. 1937 wandert er nach Neuseeland aus, um dem Einmarsch der Nazis nach Osterreich zu entgehen. Von 1949 bis zu seiner Emeritierung 1969 hatte Popper eine Professor für Logik und wissenschaftliche Methodenlehre an der London School of Economics and Political Sciences inne. Queen Elizabeth II adelte den bis zu seinem Tode in England lebenden Karl Popper 1965 zum Sir.

Kaum ein anderer Philosoph und Denker unseres Jahrhunderts hat so gründlich mit erkenntnistheoretischen Mythen und positivistischer Philosophie aufgeräumt wie Karl Popper, der Begründer des kritischen Rationalismus. Popper geht davon aus, dass der Mensch zu positiven Aussagen nicht in der Lage ist, sondern im Gegenteil nur die Fehler von Theorien, Systemen und Zuständen erkennen kann (Falsifikation). Durch das Prinzip des „trial und error“ ist Korrektur und damit eine gewisse Evolution möglich.

Dieser Grundsatz liegt auch Poppers Sozialphilosophie zugrunde. Er geht davon aus, dass eine perfekt funktionierende Gesellschaft nicht erreichbar ist. Die „offene Gesellschaft“ dagegen lässt Korrekturmöglichkeiten zu und stellt Mittel zur demokratischen Einflussnahme bereit. 1945 erschien Poppers Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, welches unter dem Eindruck des Nationalsozialismus entstand und gleichzeitig zu einer schonungslosen Abrechnung mit dem Marxismus. Die offene Gesellschaft stellt einen Gegenentwurf zu auf Mystizismus basierenden geschlossenen Gesellschaften wie z.B. Tyranneien dar, und wurde als Poppers persönlicher Kriegsbeitrag gegen Hitler und Stalin bezeichnet. Der Glaube an einen gesetzmäßigen Geschichtsverlauf sowie alle so genannten „Heilslehren“ führen nach Popper in dramatischer Weise zum Verlust der Freiheit. Popper wies immer wieder darauf hin, dass die Zukunft offen ist, auch für Plötzliches und Unerwartetes. Der erreichte Entwicklungsstand einer Gesellschaft muss immer wieder in Frage gestellt und überprüft werden, um neue, angemessene Lösungsformen zu finden. Fehlerhafte Entscheidungen sollen nicht vertuscht werden, Fehler dienen im Gegenteil dem Lernen in einem Prozess der Evolution. Nur offene Gesellschaften haben damit die Kraft zur Entwicklung. „Die offene Gesellschaft“ bietet allerdings keine finalen Werte oder Ziele. Popper hatte nie die Absicht, ein Gedankensystem oder eine philosophische Schule zu begründen.

In seiner Danksagung betonte Sir Karl, dass Frieden notwendig sei, auch wenn er vielleicht noch lange erkämpft und verteidigt werden müsse. Auf dem Weg zum Frieden müsse man sich noch auf viele Fehler – auch von den Vereinten Nationen – gefasst machen. „Aber Optimismus ist Pflicht“. Seinem Ruf als optimistischer Wissenschaftstheoretiker macht Sir Popper damit alle Ehre: „Ich war schon immer ein Gegner des ganzen pessimistischen Geschwafels. Es hat gar keinen Sinn, auf die Welt zu blicken, ohne sich zu fragen, wie man sie verbessern könnte.“ (zitiert nach Die Welt vom 18.12.1993)


Sir Karl Raimund Popper starb am 17.September 1994 im Alter von 92 Jahren in East Croyden, London.



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